Kiew

Im Flugzeug lese ich auf meinem Telefon den Lonely Planet. Ich bin auf dem Weg nach Kiew, der Hauptstadt eines Landes im Krieg. Drei Tage will ich in der Ukraine verbringen, sie in ihrem momentanen Zustand erleben. Seit einigen Wochen treibt mich die Frage um, ob das nicht obszöner Katastrophentourismus ist.

Eine gekürzte Version dieses Text erschien unter dem Titel „You’re Maidan, you’re my Soul“ auf ZEIT ONLINE.

Der Lonely Planet scheint eilig aktualisiert worden zu sein und liefert nur ein unklares Bild von der Situation vor Ort. Das passt zu meiner Unsicherheit hinsichtlich dieses Reiseziels. Vor einigen Tagen verlor die ukrainische Landeswährung Griwna an einem Tag ein Drittel ihres Wertes. Heute Morgen haben die Staatschefs in Minsk eine wackelige Erklärung unterzeichnet, nach der in zwei Tagen ein Waffenstillstand eintreten soll. Ich habe keine Ahnung, was mich in Kiew erwartet.

Kiew stand schon länger auf meiner inneren Liste, schon vor den Maidanunruhen, allerdings irgendwo auf Platz 15 bis 20. Wenn ich ehrlich bin, sind es die Turbulenzen des letzten Jahres, die sie nach oben haben schießen lassen.10

Die Idee zur Reise hatten mein Begleiter und ich, als wir nachts in der Kneipe die These aufstellten, man solle nicht nur an interessante Orte, sondern auch zu interessanten Zeiten reisen. Nicht nur einen Zustand besichtigen, sondern auch eine Richtung erleben. Take me to the magic of the moment. Uns fiel Kiew ein. Die Maidan-Bewegung, für Europa kämpfende Studenten, ein Hauch von Revolution. Das war im Dezember. Der Konflikt im Osten, dachten wir, wird sich ja sicher demnächst lösen.

Tag 1:

Mit Magenschmerzen trete ich auf den Maidan. Der Grund dafür heißt Salo. Salo muss man sich als den Antichristen eines Ökotrophologen vorstellen. Wäre Fleisch Getreide, Salo wäre der Weizen. Salo ist das Weiße vom Speck, kalt und roh. Wir hatten am Vorabend nach unserer Ankunft eine gemischte Platte mit Salovariationen als Vorspeise: Salo mit Knoblauch, Salo mit Schinken, Salo mit Schmalz gerollt. Dazu drei Sorten Schmalz zum Beschmieren des schmalzgebackenen Knoblauchbrots. Danach Borschtsch, Hering, Vareniki mit Krautfüllung und Schmand. Wir helfen mit Wodka nach, der in den Größen 50g, 100g und ganze Flasche auf der Karte steht. Das Restaurant ist übertrieben rustikal dekoriert, die Bedienungen tragen lächerlich tiefe Ausschnitte. Wir erleben Osteuropa als Instagram-Bild seiner selbst. Am Ende des Festmahls zahlen wir jeder knapp 10 Euro.

Morgens dann die Gewissensbisse: Ist Völlerei verwerflich, zu dieser Zeit? Ist es pietätlos, eine tote Währung auszunutzen?

Der Stadt sieht man den Konflikt an, aber er beherrscht die Stadt nicht. Auf dem Maidan ist eine Fotoausstellung zu den Protesten des vergangenen Jahres, an der Stelle der größten Barrikade sind Kränze und Bilder der Heavenly Hundred, wie die Ukrainer die Todesopfer der Proteste nennen. Nebenan jedoch gehen die Kiewer einkaufen, McDonald’s ist voll besetzt, die Nippesstände am Andreassteig, der touristischen Hauptstraße, haben geöffnet, obwohl keine Touristen mehr da sind.23

Beide Ebenen, die Krise und der kümmerliche Rest an Tourismus, treffen sich in einem Souvenir, das rund um den Maidan angeboten wird: Klopapierrollen mit Putins Konterfei darauf. Ich poste ein Bild davon auf Facebook und erhalte mehrere Bestellungen.

Wie viele Städte sozialistischer Bauart wirkt Kiew auf mich unglaublich urban. Massige Gebäude, unüberwindbare Straßen, Fußgängertunnel an jeder Kreuzung. Auf den zweiten Blick mischen sich die Sowjetbauten allerdings mit Barockschlössern, Altbauten (echten und imitierten) und den allgegenwärtigen Zwiebelturm-Kirchen. Im graunebligen Tauwetter tasten wir uns die vereisten Hügel der Stadt hinauf und hinab. Wir sind zum ersten Mal in einem Land, in dem Krieg herrscht. Kiew scheint aber vor allem damit beschäftigt zu sein, die Bürgersteige gegen herunterfallende Eiszapfen abzusperren.14

Abends treffen wir einige ukrainische Bekannte meines Begleiters in einer Bar. Die drei Kiewerinnen sind alle in ihren Zwanzigern und haben eine fast einschüchternde Internationalität. Sie sprechen ein Englisch, wie es Leute sprechen, die auf Englisch studieren. Außerdem beherrschen sie alle noch eine weitere Fremdsprache sowie die beiden Landessprachen fließend. Als ich frage, ob der politische Konflikt auch ein sprachlicher wäre, wimmeln sie sofort ab. „Everybody speaks both languages, we don’t care“. Nur über einen Politiker macht man sich gerne lustig, der die Vokalverschiebungen zum Ukrainischen nicht hinbekommt und eine Fantasiesprache spricht. Ich erzähle von Günther Oettinger.

Alle Fremdsprachenkenntnisse bringen ihnen momentan wenig, das Ausland ist für sie unerschwinglich. Ihre geplante Urlaubsreise nach Minsk mussten sie aufgrund des Griwna-Kurses absagen, jetzt überlegen sie nach Moldawien auszuweichen, da soll es bezahlbar sein.

Die Krise ist das bestimmende Thema. Die Ukrainerinnen erzählen, dass sie sich beim Ausgehen manchmal verbieten, über Politik zu sprechen. Wir reden eine Viertelstunde über 50 Shades of Grey. Dann kommen wir auf den Konflikt zurück. Wir bestellen Wodka-Shots in Regenbogenfarben, „against Putin“.

Tag 2:

Mittags sitzen wir zwischen Journalisten im Daily Briefing des Crisis Media Centers, einer Art Bundespressekonferenz für den ukrainischen Konflikt. Konzentriert versuche ich, dem Übersetzer zu lauschen, aber ich komme einfach nicht mit bei all den Ortsnamen und dem Fachvokabular. Ein Armeesprecher steht vor einem großen Bildschirm und berichtet von der Front.

Ich bin gleichzeitig irritiert und interessiert. Der Krieg ist hier sehr nah. In meinem Urlaub sitze ich auf einem Stuhl und höre mir Opferzahlen an. Andererseits ist die Ukraine-Krise mittlerweile so präsent bei mir, dass diese Nachrichten genau das sind, was ich gerade wissen möchte. Debalzewe ist der bestimmende Ort heute, am letzten Tag vor der Waffenruhe.41

Eine der Ukrainerinnen vom Vorabend hat uns auf die Liste der Pressekonferenz gesetzt, die täglich im dritten Stock unseres Hotel stattfindet. Dieses Hotel! Vor unserer Reise kannten wir das Ukraina von den Bildern der Maidan-Proteste – diesen Stalinbau, der immer im Hintergrund drohte. Aus Witz guckten wir nach den Preisen. 38 Euro fürs Doppelzimmer, dazu haufenweise Bewertungen mit dem Wort „Sowjetcharme“. Also buchten wir uns ein.

Für ein erstes Haus am Platz empfinde ich das Ukraina als überraschend durchschnittlich, obwohl meine Achtbettzimmer-Hostel-Zeiten noch nicht lange hinter mir liegen. Permanent sind der Bankautomat in der Lobby und zwei der vier Aufzüge kaputt (allerdings nicht immer die gleichen), das Duschwasser ist lauwarm, die Zimmertemperatur dafür (wie so oft im winterlichen Kiew) bei knapp 30 Grad, die Betten sind winzig, der Röhrenfernseher defekt. Der legendäre Ruf des Hotels, der die Taxifahrer aufraunen lässt, wenn man den Namen nennt, rührt wohl von der unschlagbaren Lage direkt über dem Maidan her. Ziemlich genau ein Jahr, bevor wir durch die Lobby schlendern, lagen hier Verletzte und Tote der Unruhen, die vor der Tür eskalierten.

15In der Stadt ist ein Thomas Anders-Konzert plakatiert. Ich mache ein Foto und poste es auf Facebook. Ich bin mir unsicher, ob meine Bildunterschrift „You’re Maidan, you’re my Soul“ unsensibel rüberkommt. Eine der Ukrainerinnen liked es. Puh.

Wir nehmen ein Taxi in Richtung Lavra, dem bekannten Kloster der Stadt. Der Taxifahrer verlangt viel zu viel, aber es kommt uns falsch vor, um zwei Euro zu feilschen. Nach der Militärpressekonferenz schlägt das Katastrophentourismus-Gewissen immer noch Alarm.

Vor dem Kloster rodeln einige Jugendliche einen halsbrecherisch steilen Hang an einem Denkmal hinab. Als wir uns nähern, sehen wir, dass der Keller des Denkmals begehbar ist. Unten befindet sich ein kleines Museum, das allerdings ausschließlich auf Kyrillisch beschriftet ist. Die Bilder im Museum sind erschreckend, es geht um die Hungersnot Holodomor, ich schlage sie später auf Wikipedia nach. Etwa 3,5 Millionen Ukrainer starben Anfang der Dreißiger, vermutlich von Stalin geplant. Ein Denkmal und ein kleines Museum erinnern diesem Massensterben, von dem ich (und wie sich später herausstellt auch etwa zwei Drittel meiner Bekannten) noch nie etwas gehört hatten.

Das Kloster von Lavra, im Reiseführer als touristisch völlig überlaufen beschrieben, ist bis auf einige betende Ukrainer menschenleer. Wir besuchen eine orthodoxe Messe, bis uns von den Weihrauchdämpfen schwindelig wird und das Miniaturenmuseum, das so unfassbar filigrane Miniaturen zeigt, dass es den Reflex auslöst, das Gesehene einfach zu verdrängen. Durch endlose Gänge voll frommer Verkaufsstände erreichen wir die Höhlen des Klosters. Düstere, schmale Tunnel winden sich hier durch den Fels. Überall sind mumifizierte Mönche in Glassärgen aufgebahrt, die die Gläubigen unablässig küssen. Der Ernst dieses Ortes übertrifft sogar noch die Kriegspressekonferenz vom Mittag.

56Nach der Schwere des Klosters erhoffen wir uns Auflockerung am benachbarten Rodina Mat. Die 100-Meter-Statue der Mutter Heimat reckt auf einem Hügel über dem Dnjepr ihr Schwert (16m) und ihren Schild (36 m2) in die Höhe. Im ganzen Park stehen Panzer und dekoratives Kriegsgerät, überdimensionale Kriegerstatuen und andere Evergreens des sozialistischen Realismus. Heute verfangen sich aber selbst diese Protzeffekte in der grauen, dunklen und kalten Tristesse. Einige ukrainische Pärchen machen trotzdem Valentinstagsspaziergänge.

Um Mitternacht, als die Waffenruhe inkraft tritt, sitzen wir gerade in der Bar eines Hostels. Die anderen Kneipen des Ausgehviertels Podil waren so voll, dass wir hierher ausweichen mussten, um einen Sitzplatz zu bekommen. In Aushängen bewirbt das Hostel verschiedene Tagesausflüge, unter anderem die „Chernobyl Tour“ und die „AK-47 Shooting Tour“. Balsam für mein Katastrophentourismus-Gewissen, es geht immer noch schlimmer. Irina, eine unserer Bekannten, erwartet den Waffenstillstand entspannter als ich. „Ob er hält, werden wir ohnehin erst morgen früh wissen.“ Zurück im Hotel verfolge ich die Situation in den umkämpften Gebieten bis tief in die Nacht auf Twitter. Ich lese Tweets deutscher Putin-Anhänger, die die Ukraine als Aggressor bezeichnen. Nach zwei Tagen in dieser angespannten Stadt schäme ich mich für solche Stimmen.

Tag 3:

Am letzten Tag bin ich alleine unterwegs. Da es mich auch nicht weiter bringt, im Hotelzimmer die Einhaltung der Waffenruhe zu verfolgen, setze ich mich auf dem Maidan in einen der Kleinbusse, die zum Janukowitsch-Anwesen pendeln. Nicht einmal zwei Euro bezahle ich für die halbstündige Fahrt in den Vorort, inklusive Rückweg.

Überhaupt ist Kiew gerade nahezu kostenlos. Der Kaffee auf der Straße, der überall aus Autokofferräumen (oder aus Anhängern in Form von pinken Riesenschnecken) angeboten wird und von überraschend guter Qualität ist, kostet 40 Cent. Museumseintritte liegen selten über zwei Euro, Mahlzeiten selbst in besseren Restaurants kaum über fünf. Die Menschen sind sauer auf Bürgermeister Klitschko, weil sich die U-Bahnpreise erhöht haben. Viele gehen jetzt, im Winter, zu Fuß. Ein Ticket kostet nun 12 Cent.

Im Minibus unterhalte ich mich zwei Männern namens Juri: einem Hauptmann der Luftwaffe, der leidlich Französisch spricht – und einem alten Ukrainer, der seit 20 Jahren in New York wohnt. In der russischen Community in Brooklyn habe er aktuell einen schweren Stand, die russische Propaganda sei Schuld. Klagen über das russische Fernsehen hören wir in den letzten Tagen häufiger. Die Ukrainer empfangen und verstehen es und verzweifeln daran.62

An der Janukowitsch-Villa nehmen wir die Golfcart-Tour. Im offenen Wagen kutschiert uns ein ehemaliger Angestellter des Privatpalasts (damals angeblich einer von Tausend!) durch die eiskalten Gärten des Anwesens. Am Restaurantschiff machen wir eine Fotopause, eine weitere an der Autosammlung. Etwa 40 Edelkarossen sind in einem eigenen Parkhaus aufgereiht, das erschütterte Kopfschütteln wird hier zu einem heimlichen Grinsen.68

Wir fahren an der Gästevilla mit eigenem Fischteich (angeblich für Putin erbaut) vorbei, am Tor in den Weinkeller, an der Tennishalle. An der riesigen Holzvilla, am verschneiten Golfplatz, der stets instand gehalten wurde, obwohl der Präsident das Golfspiel verabscheute. Die Zäune sind aus Granit mit goldenen Spitzen. Vor der Abfahrt besichtigen wir noch die Ställe der Nutztiere. Die Ukrainer halten sich zurück mit allzu offener Kritik, wenn ich etwas genauer nachfrage („Wie wurde der Mann so unfassbar reich?“), sprechen sie leise. Nur Juri aus Brooklyn bringt, geschützt durch die Fremdsprache, ein beherztes „What a fucking asshole“ heraus.73

Als ich mich im königlichen Anwesen ihres korrupten Ex-Präsidenten mit diesen höflichen, bescheidenen Ukrainern unterhalte, habe ich nicht mehr das Gefühl, dass ich ein Katastrophentourist bin. Ich bin nicht hier, um Leid zu sehen und von einer kaputten Wirtschaft zu profitieren. Mich interessiert dieses Land, sein Schicksal, auch seine massiven Schwierigkeiten. Ich betreibe politischen Tourismus. An einem Ort, der gerade überläuft vor Politik.

Zum Abreisetag ist der Himmel so blau, wie die Nationalfahne ihn verspricht. Am anderen Ufer des Dnjepr strahlen die majestätischen Plattenbauten, untermalt mit dem Pate-Soundtrack im CD-Spieler des Taxifahrers. Ich glaube, ich werde bald wieder in Kiew sein. Und ich kann es nur allen Anderen raten. Kiew kann jeden Besucher gebrauchen – und jeder Besucher wird etwas aus der dieser aufregenden Stadt mitnehmen.92

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