Anamur

„Guck mal, ich kann das Lenkrad komplett loslassen“, rufe ich und überschlage mich fast vor Freude darüber, dass der Wagen in den tiefen Spuren vorheriger Autos wie auf Schienen über den Strand fährt. Die Freude dauert etwa zehn Sekunden, dann stecken wir hoffnungslos im Sand fest. Die Sonne geht langsam unter.

Anamur ist der vielleicht beste Ferienort der Welt. An einem Kap an der türkischen Südküste liegt es etwas zu weit von den internationalen Flughäfen entfernt, als dass Neckermann seinen Kunden die Fahrt über die schlechten Straßen zumuten würde. Die Touristen reden hier Türkisch. Und die Einheimischen Deutsch, zumindest unsere Hotelchefin, die stammt aus Moabit. Turmstraße, U9. Wir nehmen das Zimmer zum Meer.

Anamur hat fünf Großartigkeiten. Jede einzelne würde die kurvenreiche Anreise rechtfertigen. (Allerdings würde auch die kurvenreiche Anreise die kurvenreiche Anreise rechtfertigen.) Großartigkeit Nummer 1 ist eine byzantinische Burg von unfassbaren Ausmaßen. Einen Viertelkilometer lang, 36 Türme, keine Absperrungen, die das Rumklettern einschränken. Als würde das nicht reichen, ist die eine Hälfte der Burg von einem Wassergraben umgeben, während die andere Hälfte auf dem Strand steht. Auf dem Strand!

Großartigkeit Nummer 2: Bananen. Anamur ist der Herkunftsort einer gleichnamigen Banane, einer kleinen, knallsüßen Sorte, die überall am Straßenrand verkauft wird und dafür sorgt, dass ich seit Tagen nicht mal ansatzweise Hunger verspürt habe.

Mit einer Minibanane in der einen und dem Lenkrad in der anderen Hand fahren wir zu Großartigkeit Nummer 3: römischen Ruinen. Anamur war in der Antike wichtig, entsprechend groß ist sein Ruinengelände. Aufgrund der geringen Touristenzahlen (und der Konkurrenz durch die vier anderen Großartigkeiten) sind wir in den Ausgrabungen fast alleine. Zwischen zwei Amphitheatern entdecke ich eine große Landschildkröte, die sich in der Nachmittagssonne wärmt.

Bevor Nummer 4 drankommt, sei noch schnell Großartigkeit Nummer 5 abgehandelt: kräftig gegrillter Fisch. Beim Betreten des Restaurants sucht man sich den Fisch aus, der dann nach einigen Vorspeisen und grenadinesirupsüßen Salaten auf den Tisch kommt. Außen ist der Fisch fast schwarz, innen aber noch saftig. Dazu gibt es eine in einem Säckchen aus Alufolie gegrillte süßscharfe Soße aus Chilis und Grenadinensirup. Und Efes.

Nun wieder einen Schritt zurück, zur langen Herleitung der vierten Großartigkeit, zwischen römische Ausgrabungen und Fischdinner. Hier, auf dem Strand kurz vor Sonnenuntergang, stecken meine Freundin und ich mit unserem Mietwagen nämlich im weichen Sand fest. Die Vorderräder sind nach einigen Befreiungsversuchen schon zu drei Vierteln verschwunden. Es wird langsam dunkel.

Einige hundert Meter weiter sehen wir eine Gruppe, die ebenfalls versucht, ein Auto aus dem Sand zu befreien. Wir kombinieren, dass wir uns durch tatkräftige Mithilfe bei ihrem Problem vielleicht Kredit erarbeiten, den wir direkt zur Befreiung unseres Fords einlösen könnten. Am anderen Auto treffen wir eine türkischen Familie an, deren drei Generationen nicht auch nur ansatzweise Englisch sprechen. Also stemmen wir uns einfach wortlos mit gegen die Motorhaube. Ohne Erfolg. Nach einigen Versuchen kommt vom nahen Hügel ein Geländewagen mit zwei jungen Männern mit äußerst sparsamer Mimik, die sofort Instruktionen geben und das Auto innerhalb weniger Minuten befreien. Ich nutze die Chance und verweise darauf, dass noch jemand so doof war, mit einem Kleinwagen auf einen Strand zu fahren. Die Gruppe setzt sich in Bewegung in Richtung unseres Fords.

Unser Auto zu befreien stellt sich als schwieriger heraus. Während ich am Steuer sitze, schuftet der Rest sich bis zur Erschöpfung ab, die Mutter, das Kind, der Opa, die zwei harten Typen, meine Freundin. Mehrmals übergießen die durchdrehenden Reifen die gesamte Gruppe von oben bis unten mit Sand. Ich wünsche mir ein paar Neckermann-Touristen, die vorbeikommen und sich noch blöder anstellen als ich. Dann ist auch unser Auto frei.

Ich mache das, was ich immer mache, wenn ich im Ausland von Gastfreundschaft peinlich berührt bin und mich keiner versteht: Ich fange an, mich endlos zu bedanken. Die harten Typen hauen ab, die Familie macht Gebärden, dass ich aufhören soll und stattdessen ihrem Auto folgen. Wir fahren im Konvoi, bis wir unvermittelt an einer Landstraße halten. Seitlich fließt ein Bach, über den wir springen, dahinter steht ein viergeschossiger, nicht ganz abgeschlossener Neubau. Uns geht auf, dass wir als Dank für all den Ärger, den wir gemacht haben, gerade nach Hause eingeladen werden.

Im Haus gibt es Tee und Süßigkeiten und Tee und Süßigkeiten. Der Familienvater kreuzt auf, ein Arzt, der etwas Englisch kann. Er erzählt uns, dass die Familie aus Gaziantep hergezogen sei, weil es hier einfach so schön ist. Dass Deutschland zwar auch schön sei, aber dass die Deutschtürken alles Diebe wären. Dass seine Schwester in Hamburg wohnt. Dann übersetzt er die wilde Geschichte, die der Opa (mehrmals) erzählt, dass dieser Erdkundelehrer gewesen sei und dann nach einem Motorradunfall alles neu lernen musste. Die nächste Stunde verbringt der Opa damit, uns vorzuführen, wie er sich nicht mehr an Hauptstädte erinnert. Dazu nennt er immer den Namen eines Landes und überlegt anschließend einige Sekunden ganz angestrengt, bis es ihm zuverlässig und mit großer Geste doch wieder einfällt. „Belçik … hmm … hmm … Brüksel!“ Wir zeigen uns beeindruckt.

Irgendwann bedanken wir uns noch mehrfach für alles und gehen. Bestätigt in der Annahme, dass das Großartigste an Anamur ist, dass es in der Türkei liegt. Weil es in der Türkei doch überall irgendwie gut ist.
Am nächsten Tag, in der Nähe der internationalen Flughäfen, erhält diese Behauptung mehrere Sternchen. Heute aber noch nicht.

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