Der Minsk-Zug

Wem Berlin im Herbst zu grau ist, der möge nach Minsk reisen. Nicht eine Woche nach La Gomera oder Tel Aviv, denn dann ist man nach der Rückkehr in die kalte Wohnung nur noch schwermütiger. Minsk dagegen ist die Kneippkur unter den Urlaubszielen. Nicht umsonst sagt ein weißrussisches Sprichwort: Ist dem Bergmann der Stollen zu dunkel, denkt er an Minsk. (Meine Kenntnis weißrussischer Sprichwörter reicht leider nicht aus, um zu wissen, ob es dieses Sprichwort wirklich gibt. Ich gehe einfach mal davon aus.)

Der Plan geht auf: Nach vier Novembertagen in Minsk besteigen meine Reisebegleitung und ich beschwingt den Direktzug nach Berlin-Lichtenberg. Unsere Stimmung könnte besser nicht sein: Bald werden wir saubere Luft atmen (in Minsk gibt es keine), Bäume sehen (sind in Minsk verboten), Vögel singen hören (sind in Minsk alle tot). Es ist halb sieben am Morgen, die schützende Dunkelheit lässt Minsk wie jeden Tag langsam im Stich. Fun Fact: Das Wort Morgengrauen wurde in Minsk erfunden.

Auf dem Hinweg haben wir uns über Litauen per Flugzeug und Bus an Minsk herangetastet. Zurück nun also per Direktzug. Als wir unser Abteil betreten, hat es 29 Grad. Nicht 28, nicht 30, sondern 29. Wir wissen das so genau, weil dort ein Thermometer hängt. Keine rote Digitalanzeige, kein Bahndesignthermometer, einfach ein großes Holzthermometer an einem Nagel. Der Rest der Kabine ist Wand. Da das Abteil für die ungewöhnliche Personenanzahl drei ausgelegt ist, sitzen die Fahrgäste frontal vor einer solchen. Das ist einerseits praktisch, vermeidet es doch das unangenehme Nicht-direkt-Angucken-Dilemma mit dem Gegenüber. Andererseits langweilt es auch bald, schließlich besitzt die Wand außer dem Thermometer (immer noch 29 Grad) keine Blickfänge und das Fenster (immer noch Minsk) stellt keine befriedigende Alternative dar.

Die dezente Marmorierung der Wände sorgt für einen hochwertigen Gesamteindruck.

Nach dem ersten Anschwitzen beschließen wir, uns im Gang etwas abzukühlen. Dieser ist mittlerweile rappelvoll. Der Zug ist am Vorabend in Moskau losgefahren, mittlerweile wachen die Russen auf und treten, noch im Unterhemd, auf den Flur um sich zu strecken und eine Zigarette zu rauchen. Dazu kommen noch einige Nikotin-Aussiedler aus anderen Zugteilen.

An dieser Stelle muss die Natur dieses Direktzugs Moskau-Berlin kurz erklärt werden. Wobei schon der Begriff Direktzug etwas irreführend ist. Der Zug wird, ähnlich einer Festival-Besuchergruppe, alle paar Stunden geteilt und neu zusammengesetzt. Hier kommen Waggons aus Kiew dazu, dort werden welche nach Prag abgekoppelt. Die Endstationen sind Berlin, Amsterdam oder irgendwas in der Schweiz. Wahrscheinlich Interlaken. Diese Ankoppel-Abkoppel-Routine hat den Effekt, dass Wagen aus allen möglichen Ländern vertreten sind: Russland, Weißrussland, Polen. Ein panslawistischer Superzug.

Wir sind in einem russischen Zugteil. Da im gesamten Zug Rauchverbot herrscht, kommen alle zum Rauchen zu uns Russen. Wir sind da nicht so. Wer dem Raucher die Zigarette nimmt, nimmt auch dem Bettler den Eierkuchen, sagt ein russisches Sprichwort (keine Ahnung). Apropos Essen: Aus Langeweile gehen wir zurück ins Abteil und machen uns über unsere Essensvorräte her.

Mittlerweile sind aus den 19 Stunden Fahrzeit 18 geworden. Wir haben Würste dabei und Brot, Kaviarcreme, Algensalat, getrockneten Tintenfisch, Salzgurken. Dazu ein paar Flaschen Kwas, eine Limo aus Brot.

Als wir fertig sind, sind es nur noch 17 Stunden bis Lichtenberg. Wir sind wahrscheinlich immer noch in Minsk. Wir beschließen, Fotos aus allen Ecken des Abteils von uns zu machen. Nur noch 16 ½ Stunden.

Ohne Selfie-Stick, dafür mit viel Langeweile fotografiert.

Irgendwann kommen wir nach Brest. Nicht das in Frankreich, sondern das in Weißrussland. Wie der Name schon vermuten lässt, gibt es zwei Brests. Hier haben wir drei Stunden Aufenthalt. Der Schaffner weist uns darauf hin, dass während dieser Zeit der Toilettengang verboten ist. Wir willigen aus Mangel an anderen Optionen ein und ärgern uns heimlich, dass wir gerade den ganzen Kwas vernichtet haben.

Die erste Stunde steht der Zug auf dem Bahnhof. Kleine, alte Frauen laufen durch den Zug und verkaufen Selbstgekochtes. Eine dieser Damen kommt in unser Abteil, wir lassen uns das Essen zeigen. Es sind Hähnchenschenkel, dick eingewickelt in Stoff. Sieht hervorragend aus, wir hatten aber gerade sehr viel Wurst. Als sie das Abteil wieder verlassen will, bleibt die Tür am Teppich hängen, der auf dem Boden liegt, und lässt sich partout nicht mehr öffnen. Die alte Dame bekommt Panik, weil sie denkt, dass wir sie nicht rauslassen. Wir bekommen Panik, weil wir auf keinen Fall wollen, dass die alte Dame Angst vor uns hat. Irgendwann bekommen wir die Tür auf, die Dame flüchtet, wir fühlen uns schlecht.

In der zweiten Stand-Stunde kommen die Grenzer. Grimmige weißrussische Grenzer. Dabei muss man wissen, dass in Brest zwei Weltregionen aneinanderstoßen. Der eine Pol ist, wie der Name schon sagt, Polen, im größeren Kontext aber die gesamte EU. Die andere Seite ist das nur geringfügig unbekanntere Staatengebilde der Russisch-Weißrussischen Union. Dieses Bündnis besitzt bislang nur zwei Mitgliedsstaaten, alle anderen Beitrittskandidaten haben es sich irgendwann anders überlegt. Tipp: Könnte am Namen liegen. Die Grenzer nehmen es aber besonders genau und (Achtung!) schengen uns besonders viel Aufmerksamkeit. Das Gute: Alle potentiell verbotenen Agrarerzeugnisse haben wir, inspiriert von kolumbianischen Drogenschmugglerdokus, bereits in kleinen Portionen verschluckt.

Kurz vorm Siedepunkt (Temperatur, nicht Stimmung)

In der dritten Grenzstunde fährt der Zug in eine riesige Halle. Dort kommt eine ganze Kompanie weißrussischer Arbeiter angetrottet, bockt die Wagen auf und beginnt, jede einzelne Achse lautstark abzuprügeln. Dazu muss man wissen, dass die Bahnen in der gesamten alten Sowjetunion auf breiteren Spuren als im Westen fahren, was wohl historische, vielleicht auch militärische Gründe hatte. Kommt der Feind von Westen, kann er nicht einfach bis Moskau durchrollen, sondern muss erst einmal die Achsen austauschen. Was durchaus hinderlich sein kann, etwa wenn der Feind vorher sehr viel Kwas getrunken hat.

Irgendwann sind wir dann im Schengenraum. Im engen Raum dagegen, unserem Dreierabteil, sind wir mittlerweile zu dritt. An der Grenze ist eine Frau zugestiegen, die ganz gut Deutsch kann und uns ein paar Dinge über Weißrussland erzählt. Auf unsere Frage, wieso es im Abteil so heiß ist, hat sie die plausible Erklärung: „Ist Russland. Gibt warm, gibt kalt.“

Während wir durch die verregneten ostpolnischen Wojwodschaften schaukeln, 12 Stunden von Lichtenberg entfernt, wird uns mal wieder langweilig. Wir beschließen uns auf die Suche nach dem Speisewagen zu machen. Nachdem wir einige nichtrussische Abteile (zumindest lässt die weitgehend transparente Luft darauf schließen) durchquert haben, stoßen wir irgendwann an den Ural. Bzw. das Zugende. Der Schaffner, ein Tscheche, spricht uns an.
„Sucht ihr den Speisewagen?“
„Ja, genau.“
„Der wird erst in Warschau angeklemmt.“
„Mist.“
„Wollt ihr Bier kaufen?“

Wir zeigen uns empfänglich und er holt vier Dosen Bier aus einem Mini-Kühlschrank in seinem Schaffnerkabuff. Offensichtlich ein Nebenerwerb von ihm. Ein tschechisches Sprichwort sagt: Vier Bier sind eine Mahlzeit, vor allem wenn man sie verkauft.

Im Hintergrund der Held der Geschichte.

Als wir in Warschau ankommen, ist es dunkel. Während wir am Ostbahnhof der Stadt stehen und hören, wie mal wieder Abteile angekoppelt werden, können wir die Sauerkrautpfanne schon förmlich riechen. Könnten aber auch unsere Füße sein, nach 12 Stunden im 29 Grad-Abteil. Egal, Hunger.

Wir haben den Kulturpalast gerade erst hinter uns gelassen, da sitzen wir schon im Speisewagen und ergötzen uns an allem, was die polnische Küche zu bieten hat: Zurek und Pierogi und Lech und Oma-Heimeligkeit, selbst im Zugrestaurant. Plötzlich fällt uns unser eigentlicher Plan ein, wie wir die 19 Stunden rumbekommen wollten: Eine Stunde über jeden Bundesligaverein reden und über die Eintracht zwei. Jetzt haben wir nur noch wenig Zeit und beschränken uns auf die zwei Mannschaften der Stunde: die berauschend spielenden, mit Talenten gespickten Dortmunder (werden am Ende der Saison Meister) und die berauschend spielenden, mit Theofanis Gekas gespickten Frankfurter (steigen am Ende ab). In Poznan sind wir so müde wie Theofanis Gekas in der 2. Saisonhälfte, was wohl auch am Lech liegt.

Als wir unser Abteil suchen, finden wir es nicht. Was nicht am Lech liegt. Wir erkennen es einfach nicht wieder, denn mittlerweile hat unsere weißrussische Sitznachbarin oder ein russischer Schaffner (oder beide, in Russisch-Weißrussischer Union) aus unsem Drei-Sitze-Abteil einen Schlafwagen gemacht. Die Sitze sind verschwunden, drei perfekt flache Betten stapeln sich an der Wand. Wir haben keine Ahnung, wie das technisch möglich ist. Als wir unseren Sputnik-Schock darüber verdaut haben, schlafen wir ein.

Weit nach Mitternacht und kurz vor Lichtenberg erwachen wir und schaffen es gerade noch aus dem Zug, bevor er uns nach Amsterdam oder Interlaken mitnimmt. Verpennt schleppen wir uns in die S-Bahn. Zwischen Ostbahnhof und Jannowitzbrücke sagen wir den Plattenbauten Doswidanija, dann steigen wir in die Westberliner U-Bahn. Ach, ein paar Tage Minsk wären schon noch nett gewesen.

Neue Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.