Iranische Überlandbusse

Die Arroganz westlicher Touristen, die man immer zu vermeiden versucht und mitunter doch an sich selbst entdeckt, wird von den Einheimischen oft schneller verziehen als von einem selbst. So machten wir uns auf einer iranischen Busreise erst komplett unmöglich und landeten trotzdem später im Süßigkeiten-Cycle.

Eigentlich ist vor der Abfahrt des Sieben-Stunden-Busses von Yazd nach Shiraz schon alles zu spät. In einem Anflug überheblicher Gastlandunterschätzung gehen wir davon aus, dass der Bus keine Sitzplatzreservierung kennt und im Iran ja sowieso alles informell läuft. Deswegen fragen wir den Busfahrer und seine zwei Gehilfen nach den besten Plätzen im Bus (ganz vorne rechts), schließlich sind wir beide knapp zwei Meter groß und der Bus nach den Körpergrößen älterer Generationen bemessen eingerichtet. Die Bus-Crew ist natürlich iranisch-zuvorkommend und verjagt zwei alte Damen von ihren Panoramaplätzen in der ersten Reihe. Die hatten wir nicht gesehen. Unangenehm. Kurz empören sie sich, auch der restliche, schon vollbesetzte Bus hat eine grummelige Meinung zum Thema, dann besinnt man sich aber auf die iranischen Werte und wir sitzen, wo wir sitzen wollten. Igitt.

Nach kurzer Fahrt ist unser Fauxpas vergessen und die umsitzenden Fahrgäste beginnen, sich für uns zu interessieren. Schließlich läuft das Land nicht über vor ausländischen Touristen, wir sind Exoten. Aus der Erfahrung der vergangenen Tage kennen wir die Conversation Starters der Iraner bereits bestens und auf einen Schwall aus Farsi antworten wir souverän mit „Alman“. Großes Hallo! Bis in die hinteren Reihen hören wir das magische Wort weitergetragen werden. Ein alter Mann erklärt uns gestenreich die arische Bruderschaft der Iraner zum deutschen Volke. Mittlerweile haben wir auch darauf ein unverbindliches „Ah okay“ im interkulturellen Repertoire.

Danach sind wir im Süßigkeiten-Cycle. Immer wieder kommen Gummibärchen, Schokoriegel und sogar ganze Becher Tee samt Würfelzucker und Plastiklöffel über die Sitzlehne, wir revanchieren uns mit den Resten unserer Keksbestände. Selbst die verschlagene Busfahrer-Crew gibt etwas dazu, obwohl sie uns immer noch für Amerikaner hält und entsprechend misstrauisch beäugt. Aus der hinteren Bushälfte (wo auch die beiden armen verscheuchten Omas sitzen) kommt eine junge Frau zu uns nach vorne und erzählt uns, wie wir nach einem halben Duzend Anläufen verstehen, dass ihr Bruder in Australien lebt. Soso. Wir zeigen uns begeistert und fragen, ob in Melbourne oder Sydney. Sie geht kurz nach hinten, um die Sache zu klären, und kommt stolz mit der Antwort „Sydney“ zurück. Beim dritten Besuch hat sie auch noch ein Bild von ihm auf dem Smartphone dabei. Leider scheitert eine genauere Erläuterung seiner sicher spannenden Auswanderungsgeschichte an der Sprachbarriere.

Foto: Max
Foto: Max

Als sich die verregnete Berglandschaft in eine verregnete Ebene wandelt, wird es langsam dunkel. Im Bus beginnt das Filmprogramm, meine Reisebegleitung Max – mit einer ausgesprochen lauten Stimme ausgestattet – erhält von der Busfahrer-Crew Sprechverbot. Nun müssen wir die restlichen Stunden also schweigend im dunklen Bus totschlagen. Max fotografiert die puffige Einrichtung des Fahrerhäuschens, ich gucke den Film, den ich allerdings schon von der Busfahrt zwei Tage zuvor kenne: Ein Player-Typ mit fiesem Backslick wird von seiner toughen Chefin ständig runtergemacht. Dann zwingt ein alter Mann die beiden zur Hochzeit und am Ende verstehen sich die Eheleute bestens. Eine Rom-Com für die ganze Familie.

In Shiraz sind wir dann ganz plötzlich. Direkt am Ortseingang hält der Bus an einem großen Kreisel und alle Fahrgäste springen auf. Die alte Dame aus der Reihe hinter uns macht mit Daumen und Zeigefinger das Geld-Zeichen und sagt zu uns „Dollars“ und „Chai“. Offensichtlich will sie für den Tee, den sie uns gegeben hat, jetzt Geld sehen. Das Ganze ist ihr sichtlich unangenehm, schließlich funktionierte der Süßigkeiten-Cycle ganz nichtkommerziell. Aber wir sind eben eine Verlockung und Wirtschaftssanktionen kein Knigge-Kurs. Fehlender Welthandel führt im ganzen Land zu Preisverfall und in diesem Bus dazu, dass eine alte Iranerin den Weg der uneingeschränkten Gastfreundschaft verlässt. Und das will was heißen! Wir gucken kurz irritiert, dann haben die anderen Fahrgäste sie schon unter gutem Zureden aus dem Bus gedrängt. Alle verabschieden sich freundlich von uns, sogar die verdrängten Omas kommen vorbei und sagen irgendetwas auf Farsi, während sie kleine Verbeugungen in unsere Richtung machen. Wir fühlen uns schlecht.

So endet eine siebenstündige Busfahrt in den verregneten Straßen von Shiraz. Irgendwie traurig und irgendwie das Beste, was man erleben kann. Iran eben.

Foto: Max
Foto: Max

Fotos: Max

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