Robertsport

Drei Autostunden westlich von Monrovia liegt Robertsport. Ich fahre die erste Hälfte der Strecke selbst und versuche mich danach an einer Kolanuss zu berauschen. Die Liberianer lieben den extrem bitteren Geschmack der Kolanuss, ich kämpfe damit. Als wir ankommen habe ich nur eine kleine Ecke der Nuss abgeknabbert und ich rausche in etwa so wie das Meer. Es ist komplett windstill.

SNV30544Robertsport ist so etwas wie das touristische Zentrum Liberias. Der Grund dafür ist das Surf Retreat von Sean, einem Amerikaner. Vor dem Bürgerkrieg muss mehr los gewesen sein, damals surften die Liberianer selbst noch und die reichen Monrovier hatten hier ihre Wochenendvillen. Heute versucht Sean die Dortbewohner wieder zum Surfen zu bringen und reiche Monrovier gibt es nicht mehr. Die Villen rotten dahin, was irgendwie schön aussieht, dem Ort Robertsport aber recht wenig bringt.SNV30564

Außer uns ist noch ein norwegisches Pärchen im touristischen Zentrum Liberias zu Gast. Die beiden sind auf dem Weg nach Sierra Leone, dem etwas intakteren Nachbarn Liberias. Außerdem hat Sean einen Langzeitgast zu Besuch, natürlich einen Surfertypen, der etwas unangenehm ist. Kurz nach unserer Ankunft kommen die beiden vom Harpunenfischen zurück, was ihre Standardbeschäftigung bei Windstille ist. Sie werden auch die nächsten zwei Tage mit harpunenfischen verbringen. Surfer sind wahrscheinlich nicht die abwechslungsreichsten Typen.

Zwei Tage liegen wir abwechselnd in der Hängematte, im warmen Wasser, im Dunkeln (Seans Generator streikt) und am Strand zwischen den schmalen, kanuartigen Fischerbooten herum, auf die die Besitzer Glücksformeln wie „Jesus is my saviour“, „Merciful God“, „FC Barcelona“ oder „G-Unit“ geschrieben haben. Dann ist endlich Valentinstag.

Um die Begeisterung der Liberianer für den Valentinstag zu verstehen, muss man wissen, dass die Menschen sich für Amerikaner halten. Lange Geschichte. Nach dem Abendessen (selbst geschossenem Fisch) brechen wir mit unseren Taschenlampen zum Club Piso auf.

Der Club Piso ist ein All-in-one-Erlebniscenter. Im Garten gucken alte Männer Champions League auf flackernden Fernsehern (als wir kommen, wird gerade Lewis Holtby eingewechselt), dahinter befindet sich die Bar, dahinter in einer Baracke der Club. Inkonsequenterweise bestellen wir im Barraum Club Beer (since 1961!), das säuerlich-unherbe Bier Liberias, das irritierenderweise von irgendwelchen Schweizern gebraut wird. Der Barkeeper öffnet es mir mit dem Smartphone, obwohl vor ihm ein Flaschenöffner liegt.

Durch die Tür des Club-Raums sehe ich Jugendliche in selbstgebastelten Valentinstags-Outfits um einen Tisch voller Bierflaschen stehen. Genauer gesagt um einen großen Plastiktisch, wie man ihn aus den Grill-Seiten von Baumarktprospekten kennt, der restlos voll steht mit geöffneten, vollen 0,7er-Flaschen Club Beer. Die vier US-Dollar das Stück kosten. Der Kopf der Gruppe ist ungefähr 17 und erklärt mir, dass er heute zum ersten Mal Vater geworden sei. Das feiern sie, zusammen mit dem Valentinstag. Und ohne die junge Mutter, die mit 60-prozentiger Wahrscheinlichkeit beschnitten ist und wahrscheinlich gerade in irgendeiner Hütte zusammengeflickt wird. Glückwunsch.

Eine seiner Freundinnen, die den Valentinstag mit einem besonders tiefen Ausschnitt und einer besonders kunstvollen Perücke feiert, unterhält sich an der Bar mit einem alten Mann. Dieser greift ihr während des Gesprächs mehrfach an die Brüste, woraufhin sie seine Hand wegschlägt, die beiden aber ruhig weiterreden. Irgendwann wird im Clubraum die Musik lauter und sie geht mit ihren Freunden tanzen.

Aus dem Clubraum kommt liberianischer Hipco und Dancehall aus Nigeria. Seit meiner Ankunft in Westafrika bin ich großer Fan von Timaya, vor allem weil er mich an meine Grundschullehrerin Frau Thiemeyer erinnert. Als sein Megahit „Shake your Bum Bum“ herüberdröhnt, folgen wir seinem Vorschlag. Der Clubraum besitzt neben scheppernden Boxen und bunten Lichtern das wichtigste Element liberianischer Clubs: einen großen Wandspiegel. Der ist stets der beste Platz im Club, die Gäste schubsen sich vom Spiegel weg, um den Shake ihres eigenen Bum-Bums bewundern zu können.

Während der Barkeeper für mein nächstes Club Beer erneut sein Smartphone gefährdet, wird unsere Party aus liberianischen Jugendlichen und westlichen Touristen plötzlich um eine dritte Gruppe erweitert: UN-Polizisten. Offensichtlich ist die Gefahr eines Bürgerkriegs am späten Valentinsabend überschaubar und sie haben Ausgang bekommen. Ich komme mit einem stocksteifen Berliner ins Gespräch, der seinen Einsatz in diesem tropischen Surfparadies als die reinste Hölle empfindet. Die Gründe erschließen sich mir kaum – ich habe aber auch schon einige Club Beer gehabt –, außer dem, dass er nur Malzbier trinken darf. Darauf passt seine eisenharte Vorgesetzte auf, eine humorlose, alte Ghanaerin mit Dreadlocks. Ständig geht sie herum und riecht an den Flaschen ihrer Soldaten. Vor allem dem Fahrer, einem jungen Local, der die Jugendlichen kennt und sofort heftig seinen Bum Bum shaked, scheint sie zu misstrauen. Der Neuvater knutscht da schon heftig mit einer der Jugendlichen. Wir schnappen unsere Taschenlampen und machen uns auf den Heimweg.

Am nächsten Morgen, nach einer kalten Eimer-Dusche mit öligem Wasser, zahlen wir Sean seine Rechnung. Die strom- und wasserlose Herberge kostet ungefähr so viel wie ein deutsches Viersternehotel, Liberia ist teuer. Sean erzählt, dass im Ort die Hölle los ist, die Präsidentin (und Friedensnobelpreisträgerin) ist zu Gast. Er zieht sich sogar eine lange Hose und feste Schuhe an, denn er hat ein kurzes Gespräch mit ihr in Aussicht gestellt bekommen und will eine Lanze für den Surftourismus brechen. Wir gehen zu unserem Geländewagen, wo einige Kinder gerade einen Hundewelpen zu Tode treten. Der Kleine hinkt schon stark, wir meckern den Bandenchef an. Dann fahren wir weg und er macht weiter. Komisches Liberia.SNV30562

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